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Boeing X-20 Dyna-Soar

(AMP - Accurate Model Parts - Nr. 72016)

AMP - Accurate Model Parts - Boeing X-20 Dyna-Soar

Produktinfo:

Hersteller:AMP - Accurate Model Parts
Sparte:Flugzeuge Militär Modern
Katalog Nummer:72016 - Boeing X-20 Dyna-Soar
Maßstab:1:72
Kategorie:Bausätze (Plastik)
Erschienen:2022
Preis:ca. 30 €
Inhalt:
  • 7 Spritzrahmen mit total 87 Teilen inkl. Displayständer
  • 1 Maskierungsbogen
  • 1 Markierungsbogen
  • 1 Bauanleitung

Besprechung:

Eugen Sänger und das Konzept des Silbervogels

Im Jahr 1944 entwickelte der österreichische Ingenieur Eugen Sänger zusammen mit seiner späteren Frau Irene Bredt für das Deutsche Reich das Konzept eines Antipoden-Bombers, der extreme Reichweiten und Flughöhen erreichen sollte. Das Flugzeug sollte mit einem starken Raketenschlitten gestartet werden und mit eigenem Raketentriebwerk eine Höhe von 145 km erreichen. Durch ein Absinken auf die obersten Schichten der Stratosphäre sollte mit den Tragflächen ein Auftrieb erzeugt werden, der das Gerät daran abprallen und so ohne den Verbrauch von Treibstoff die Flugstrecke erheblich verlängern sollte. Wegen des Luftwiederstandes wäre dann jedes Manöver kürzer geworden, bis sich die Maschine schließlich in die Atmosphäre wie ein normales Flugzeug bewegen würde. Das Prinzip ist das gleiche wie wenn ein flacher Stein in Bögen über das Wasser hüpft. Auf diese Art sollten schwere Abwurfwaffen, möglicherweise auch Atombomben, über den USA oder der Sowjetunion abgeworfen werden. Die Landung sollte dann auf dem Gebiet von befreundeten Nationen (wie z.B. Japan) erfolgen. Ob oder wie eine Rückkehr des „Silbervogels" möglich sein sollte, ist unklar.

Das Kriegsende stoppte alle weiteren Arbeiten an diesem Projekt in Deutschland. Spätere Berechnungen hatten aber gezeigt, dass der Antipoden-Bomber mit den damals zur Verfügung stehenden Baumaterialien die hohen Temperaturen und Belastungen beim Wiedereintritt nicht hätte überstehen können. Aber die Siegermächte hatten stellenweise großes Interesse an diesen Forschungen, hin bis zu einer geplanten Entführung (siehe unten bei den Referenzen).

RoBo, Brass Bell, Hywards : Aus 3 mach 1

Nach Kriegsende und vor Gründung der NASA im Jahr 1958 wurden die Raumfahrtprogramme von der US Air Force geleitet und hatten einen militärischen Verwendungszweck. 1952 schlugen die deutschen Wissenschaftler Walter Dornberger und Krafft Ehricke der Firma Bell ein dreiteiliges Projekt vor, welches auf den Theorien von Sänger basierte. Ab 1956 wurden diese ernsthafter untersucht:

  • RoBo (Rocket Bomber): Weiterentwicklung des BoMi / MX-2276 Projektes
  • Brass Bell : Bemannter Aufklärungsgleiter mit großer Reichweite
  • Hywards: Forschungsprogramm für hyperschallschnelle Waffen- und Antriebssysteme

Nachdem 1957 Sputnik 1 gestartet wurde, fasste die USAF diese Projekte zum „Waffensystem 464L" oder auch "Dyna-Soar" (Dynamic Soarer) genannt, zusammen. Für die unterschiedlichsten militärischen Aufgaben sollte ein wiederverwendbares Raumfahrzeug gebaut werden, welches sich an der Spitze einer Trägerrakete in das Weltall hätte bringen lassen sollen.

Auch hier waren drei Stufen vorgesehen: Dyna-Soar 1 sollte ein Forschungsflugzeug werden. Bei Dyna-Soar 2 sollte Aufklärung hinzukommen und bei Dyna-Soar 3 die Fähigkeit, Bombenangriffe auszuführen. Mit den sowjetischen Raumfahrerfolgen im Nacken war der Zeitplan für das X-20-Programm sehr straff geplant: Erste Testflüge ohne Motor waren für 1963 vorgesehen, 1964 motorisierte Flüge inklusive Versuche mit eigenem Antrieb Mach 18 zu erreichen. (Zum Vergleich: 2004 erreichte die unbemannte X-43 Mach 9,6 - etwa 11.850 km/h - und gilt damit als schnellstes Flugzeug der Welt). Die operative Indienststellung der X-20 war für 1974 vorgesehen.

Bell und Boeing bewarben sich um diesen Auftrag. Doch obwohl Bell bereits mehrere Jahre zuvor auf diesem Gebiet geforscht hatte, bekam Boeing 1959 den Auftrag. 1960 wurden sieben Astronauten benannt (u.a. kurzzeitig auch Neil Armstrong) und ein ungefährer Flugplan veröffentlicht. 1961 wurde festgelegt, dass die Titan III-Rakete als Trägerrakete verwendet werden sollte. 1962 wurde das Programm in X-20 umbenannt, um dem Projekt einen zivilen Anstrich zu geben.

Weil der Entwurf so unterschiedlich hätte eingesetzt werden sollen (z.B. Aufklärung, Satellitenabwehr, Rettungsmissionen), wurde viel entwickelt, was auch mit entsprechenden Kosten verbunden war. Um jedoch die Sowjetunion im "Space Race" zu überflügeln, spielte Geld nur eine untergeordnete Rolle. Ende 1962 wurde ein 1:1-Modell der X-20 der Öffentlichkeit präsentiert. Kurz vor Beginn der Bauarbeiten an der ersten Maschine (es sollten 10 Maschinen gebaut werden) wurde das Programm im Dezember 1963 abgebrochen.

Die USAF wollte ursprünglich ein eigens bemanntes Raumfahrtprogramm, welches unabhängig von der NASA sein sollte. Doch die bis dahin erzielten Resultate waren zu gering, die Kosten dafür viel zu hoch und die Prioritäten verschoben sich auf das zivile Mercury-Programm der NASA. Die restliche Gelder und Wissen wurden für andere Weltraumprogramme verwendet, auch für das spätere Space Shuttle-Programm. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte das Dyna-Soar / X-20 Programm 410 Millionen Dollar gekostet. Auf heute umgerechnet sind das kaum vorstellbare 3.500 Milliarden Euro.

Das X-20 Programm war extrem fortschrittlich und seiner Zeit weit voraus. Zur Erinnerung: Im April 1959 war Alan Shepard der erste amerikanische Astronaut im All. Und vier Jahre später wollte man so etwas bauen...

Die Details der X-20:

  • Besatzung 1 Pilot
  • Länge 10,77 Meter
  • Spannweite 6,30 Meter
  • Höhe 2,60 Meter
  • Flügelfläche 32,1 Quadratmeter
  • Leergewicht 4.715 Kilogramm
  • Nutzlast 450 Kilogramm
  • Antrieb Zwei AJ10-138 Raketentriebwerke mit je 36 kN Leistung
  • Höchstgschwindigkeit 28.200 km/h
  • Reichweite 41.000 Kilometer
  • Gipfelhöhe 160 Kilometer

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Die X-20 im Modellbau

Ab 1990 gab es ein Resin/Weißmetall-Modell In 1:48 von Collect Aire Models, in 1:72 gab es Vaku- oder Resinmodelle von mehreren Herstellern. Der aktuellste war bis dato von Anigrand aus dem Jahr 2008. Andere Maßstäbe wurden bisher nicht bedient.

Der Bausatz der X-20 von AMP besteht aus sieben Spritzlingen, einem Maskierungsbogen, einem Markierungsbogen und der Bauanleitung. Die Qualität der versenkten Gravuren entspricht einer guten Kleinserienherstellung. Ein bisschen feinere Linien wäre für diesen Maßstab wohl etwas realistischer gewesen. Aber wie realistisch ist ein Modell von einem Fluggerät, von dem es nur eine 1:1 Attrappe gegeben hat?

Wenn man sich die Bauteile etwas genauer ansieht, fällt auf, dass das Cockpit aus vielen Bauteilen besteht. So besteht der Pilotensitz alleine aus sieben Teilen und auch sonst sind in diesem Bereich viele Details vorhanden. Diese machen aber nur dann Sinn, wenn man das Klarteil für die geöffnete Kabinenabdeckung verwendet. Die Raketentriebwerke im Heck sind mäßig detailliert. Hier verdeckt später die Abdeckung die meisten Details.

Das Modell verfügt über kein konventionelles Fahrwerk. Bei der Entwickung der X-20 hatte man Bedenken, dass durch die große Reibungshitze beim Wiedereintritt die Reifen hätten Schaden nehmen können. Deswegen sah man für die Maschine drei Schleifsporne vor. Auch am Modell ist dieses Fahrwerk recht filigran ausgefallen. Ob dies eine stabile Konstruktion für das Modell ist, vermag ich an dieser Stelle nicht zu beantworten.

Der zweiteilige Displayständer wird in der Bauanleitung nicht erwähnt. Deswegen hat man auch hier alle Freiheiten, wie oder ob man ihn verwenden möchte. Hier ein Hinweis wegen dem Displayständer: er stellt die Nordhalbkugel dar. Es fällt auch der breite Rand mit einer Wellenlinie auf. Diese Linie stellt die ungefähre Flugbahn der X-20 dar und man erkennt deutlich die „Hüpfer" in der Atmospäre - ein kleines, aber interessantes Detail.

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Die Bauanleitung und der Markierungsbogen

Die Zeichnungen der Bauanleitung sind leicht verständlich aufgebaut und in einer akzeptablen Größe abgedruckt. Sie führen in 29 Abschnitten zum fertigen Modell. Die Farbangaben sind nach Hobby Color / Mr. Hobby aufgeschlüsselt.

Der Markierungsbogen ist von Decograph geduckt und erlaubt die Darstellung von zwei fiktiven Maschinen im Dienst der USAF und der NASA. Ob die weißen/gelben Abzeichen den schwarzen Untergrund blickdicht überdecken, wage ich an dieser Stelle zu bezweifeln. Aber ich lasse mich gerne vom Besseren überraschen.

Der Maskierungsbogen ist für die Scheiben der Cockpitverglasung vorgesehen und eine willkommene Bereicherung des Bausatzes.

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Darstellbare Maschinen:
  • X-20, 52716, U.S. Air Force / NASA, Gelbe 3
  • X-20, 62715, U.S. Air Force
Stärken:
  • Einziger Spritzgussbausatz zum Original
  • Stellenweise sehr detailliert
Schwächen:
  • Der Bausatz entstammt einer Kleinserienherstellung
  • Es sind keine Passzapfen vorhanden
Anwendung: Für Modellbauer geeignet, die bereits Erfahrung im Umgang mit Kleinserienbausätzen haben.

Fazit:

Ein Bezug des Modells der X-20 ist wegen der aktuellen Lage in der Ukraine nicht so einfach bzw. günstig. Ich hatte das Glück, dass der auf Raumfahrtmodelle spezialisierte deutsche Fachhändler Andromeda24 noch ein relativ preiswertes Kontingent des Bausatzes an Lager hatte.

 

Mit Art.Nr. 72014 hat AMP auch den „Silbervogel" im gleichen Maßstab wie die X-20 im Programm. Es wäre reizvoll, beide Entwürfe nebeneinander zu stellen. Aber auch Takom hat den Antipoden-Bomber für dieses Jahr in der Ankündigung - und das in zwei Versionen und deutlich günstiger als AMP.

Weitere Infos:

Referenzen:

Zum Thema X-20 / Dyna-Soar kann ich folgende Quellen empfehlen:

Ein Bezug des Modells der X-20 ist wegen der aktuellen Lage in der Ukraine nicht so einfach bzw. günstig. Ich hatte das Glück das der auf Raumfahrtmodelle spezialisierter Fachhändler Andromeda24 noch ein relativ preiswertes Kontingent des Bausatzes an Lager hatte.

Mit Art.Nr. 72014 hat AMP auch den „Silbervogel" im gleichen Maßstab wie die X-20 im Programm. Es wäre reizvoll beide Entwürfe nebeneinander zu stellen. Aber auch Takom hat den Antipoden-Bomber für dieses Jahr in der Ankündigung. Und das in zwei Versionen und deutlich günstiger als AMP.

Anmerkungen:

Ein Hinweis für die SciFi-Leser:

2019 veröffentlichte der deutsche Autor Andreas Eschbach das Buch „Perry Rhodan - Das größte Abenteuer". Darin erzählt er die Anfänge der Figur des Perry Rhodan. Ich möchte nicht zu tief in die Story abtauchen, aber der Autor verwebt geschickt das Thema „Silbervogel" und „Dyna-Soar" zu einem nicht unerheblichen Anteil mit der Handlung des Titelhelden Perry Rhodan. Empfehlenswerter Lesestoff!

Diese Besprechung stammt von Bernd Heller - 04. August 2022

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