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Digitale Fotografie & Modellbau Teil 4

Welche Möglichkeiten bieten Systemkameras?

von Roland Kunze

Warnung: Bei allen unseren Tipps & Tricks immer an die Sicherheit denken und wenn möglich erst an einem Probestück ausprobieren.


Systemkameras lassen sich nach dem Baukastenprinzip zusammenstellen. Die beiden wesentlichen Komponenten sind hierbei das Kameragehäuse (Body) und das Objektiv (Lens). Hinsichtlich des Gehäuses gibt es die Unterscheidung zwischen dem Spiegelreflexprinzip (DSLR- Digital Single Lens Reflex) und spiegellosen Kameragehäusen (MILC - Mirrorless Interchangeable Lens Camera). Im Vergleich zur Kompaktkamera sind beide Varianten größer, schwerer und teurer in der Anschaffung. Andererseits kann man sie nach eigenen individuellen Bedürfnissen konfigurieren, zusammenstellen und gegebenenfalls erweitern.

MILC´s gewinnen zunehmend an Popularität. Aufgrund der wegfallenden Spiegelmechanik sind sie handlicher, leichter und weniger störanfällig als DSLR. Je nach Ausstattungsvariante ähneln sich die Features, die beide Kameratypen bieten, stark. Im Vergleich dahingehend, was Body und Objektiv können sollen, sollte die Priorität auf der Optik liegen: lieber ein paar Gimmicks weniger, aber dafür ein gutes Objektiv. Mit den folgenden Beschreibungen werde ich mich auf meine Sony alpha77II beziehen, eine DSLR der gehobenen Klasse, die aber auch auf andere Systemkameras übertragen werden können.

Digitale Fotografie & Modellbau Teil 4

Die Kamera-Grundeinstellungen für die Modellfotografie entsprechen denen, wie sie in Teil drei bereits beschrieben wurden, auch bei dieser Kamera kommt man über die Menü- und FN-Taste zu den entsprechenden Einstellungen. Was aber kann eine Systemkamera nun mehr oder besser als eine Kompaktkamera? Im Wesentlichen ist es die Optik, aber auch das Gehäuse bietet einige Features mehr, die bei der Modellfotografie hilfreich sein können.

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Mehr Autofocusmodi: bei meiner Kamera gibt es u.a. den Modus „Flexible Spot“. Hierbei wird die Schärfe nur über einen einzigen Autofocuspunkt ermittelt, den ich aber über die Richtungstaste an der Kamera an 24 verschiedene Punkte im Motiv verschieben kann, wo er dann auch bleibt. So ist es möglich, sich gezielt einen Bereich auszusuchen, der eine maximale Schärfe haben soll.

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Mehr Blitzmodi: Mit der Option „Drahtlos Blitz“ (WL) lässt sich ein zweites, externes Blitzgerät fernsteuern, das an einem Stativ befestigt ist oder von einem Partner gehalten wird und das Objekt aus einer anderen Richtung beleuchtet. Dies bedingt aber, dass der Blitz für diesen Modus kompatibel ist. Das Ergebnis ist eine gleichmäßigere Ausleuchtung, analog zur Verwendung von mehreren Lichtquellen (siehe Teil 1).

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Selbstauslöser: hiermit kann der Kameraverschluss ausgelöst werden, ohne auf den Auslöser zu drücken. Dies kann bei einer langen Belichtungszeit hilfreich sein, um durch das Auslöserdrücken verursachte Verwackler zu vermeiden. Allerdings muss man die zehn Sekunden bis zum Auslösen verstreichen lassen.

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Belichtungskorrektur: eine zusätzliche Einstellung im P-, A- und S-Modus. Hierbei kann eine bewusste Über- oder Unterbelichtung des Motives um jeweils bis zu fünf Blenden herbeigeführt werden. Dies ist hilfreich bei Aufnahmen unter besonderen Lichtverhältnissen bei Tageslicht.

Digitale Fotografie & Modellbau Teil 4

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Das obere Bild ist im A-Modus (Blendenpriorität) aus dem Schatten heraus mitlichts gegen den blauen Himmel ohne Blendenkorrektur fotografiert. Die Belichtungsmessung wird von dem hellen Hntergrund beeinflusst, so bleibt das eigentliche Objekt zu dunkel. Beim unteren Bild wurde eine Blendenkorrektur von +3 vorgenommen, das Modell wird heller abgebildet und zeigt deutlich mehr Zeichnung.

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Manueller Belichtungsmodus: neben den automatischen Belichtungsmodi Auto, P, A, und S gibt es noch den manuellen Belichtungsmodus M. Hierbei lassen sich Blende und Verschlusszeit für ein individuelles Belichtungsergebnis unabhängig voneinander maunell einstellen. In diesem Modus wird ein Belichtungsmesser im Sucher eingeblendet.

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Manuelle Scharfstellung: hierbei wird der Autofocus an einem kleinen Schalter am Objektiv ausgeschaltet (Stellung MF), die Scharfstellung geschieht von Hand am entsprechenden Objektivring. Einerseits kann hierbei ebenso ein individueller Punkt im Motiv anvisiert und scharfgestellt werden, andererseits ist die manuelle Scharfstellung hilfreich, wenn der Autofocus keinen Bezugspunkt zum Scharfstellen findet.

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Ausklappbares Bodydisplay: auch in ungewöhnlichen Kamerapositionen lässt sich mit dem ausklappbaren Display zuverlässig und bequem das Objekt anpeilen, ohne durch den Sucher blicken zu müssen.

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Zum Objektiv

Wie schon erwähnt, liegt die eigentliche Stärke von Systemkameras in einer nahezu freien Auswahl des Objektives. So können auch Produkte von Fremdherstellern verwendet werden, vorausgesetzt, sie bieten den passenden Objektivanschluss für meine Kamera an. Welche Parameter sind nun bei der Objektivauswahl relevant?

von links nach rechts: Weitwinkel, Standardzoom, Makro, Tele
von links nach rechts: Weitwinkel, Standardzoom, Makro, Tele

Die Lichtstärke ist letztendlich ein Qualitätskriterium eines Objektives und wird mit dem f/-Wert angegeben - je kleiner der Wert, desto höher die Lichtstärke. Mit einem lichtstarken Objektiv ist es möglich, auch noch bei schlechten Lichtverhältnissen aus der Hand zu fotografieren. Der Objektivdurchmesser ist meist sehr groß, wegen der dadurch größeren verbauten Materialmenge sind solche Optiken aber relativ schwer und entsprechend teuer.

Zwei Objektive mit gleichem Brennweitenspektrum, links das mit hoher Lichtstärke
Zwei Objektive mit gleichem Brennweitenspektrum, links das mit hoher Lichtstärke

Die Brennweite definiert den Blickwinkel und damit den Vergrößerungs- bzw. Verkleinerungsfaktor des Objektives. Sie wird in einem Millimeterwert angegeben: je größer der Wert, desto kleiner wird der Blickwinkel und umso höher der Vergrößerungsfaktor. Heutzutage allgemein gebräuchlich sind Zoom-Objektive. Diese Optiken mit verstellbarer Brennweite erlauben beim fotografieren mehr Flexibilität bei der Wahl des Bildausschnittes und sind für den Weitwinkel-, Standard- und Telebereich erhältlich. Darüber hinaus sind auch Objektive mit fester Brennweite verfügbar. Durch die einfacher aufgebaute Optik können sie eine bessere Abbildungsleistung und durch die wegfallende Zoom-Mechanik eine höhere Lichtstärke haben. Die folgenden Bilder sind alle von der selben Postion aus mit unterschiedlichen Brennweiteneinstellungen aufgenommen und demonstrieren den Effekt der jeweiligen Einstellung recht anschaulich - der Kirchturm steht jeweils in der Mitte des Motives.

Brennweite 10 mm, der Blickwinkel beträgt ca. 160° – maximaler Weitwinkelbereich
Brennweite 10 mm, der Blickwinkel beträgt ca. 160° – maximaler Weitwinkelbereich

Eine Brennweite von 60 mm ergibt einen Blickwinkel, der dem des menschlichen Auges entspricht
Eine Brennweite von 60 mm ergibt einen Blickwinkel, der dem des menschlichen Auges entspricht

300 mm Brennweite erinnern an den Blick durch ein Fernrohr: maximaler Tele- und Vergrößerungsfaktor
300 mm Brennweite erinnern an den Blick durch ein Fernrohr: maximaler Tele- und Vergrößerungsfaktor

Welches Objektiv ist nun aber für die Modellfotografie geeignet? Ich verwende dafür mein Standardzoom mit einem Brennweitenbereich von 24 – 70 mm, wobei ich mich meist auf den Bereich zwischen 35 und 60 mm beschränke, was dem Blickwinkel und der Wahrnehmung des menschlichen Auges entspricht. So sind verzerrungsfreie Aufnahmen in den meisten Situationen möglich, die hohe Lichtstärke erlaubt das fotografieren auch unter schlechten Lichtverhältnissen. Analog dazu kann natürlich auch eine Festbrennweite benutzt werden.

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Makroobjektive sind meist Festbrennweiten, die im leichten Telebereich angesiedelt sind, meines hat eine Brennweite von 90 mm. Die Stärke eines Makroobjektives liegt in der geringen Distanz zum Objekt, aus der fotografiert werden kann. So sind Aufnahmen möglich, die an sehr kleinen Objekten feinste Details zeigen, allerdings auch Unsauberkeiten vom Bau oder der Lackierung gnadenlos ans Licht bringen – solche Aufnahmen wollen sorgfältig überlegt werden. Darüber hinaus läßt sich ein Makroobjektiv auch als Festbrennweite einsetzen, mit dem „normale“ Fotos möglich sind.

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Weitwinkelobjektive sind für die Modellfotografie eher ungeeignet. Einerseits sind hierbei so große Blickwinkel nicht nötig, andererseits ergeben sich im Weitwinkelbereich – wie im Demofoto oben schon ansatzweise erkennbar ist – Verzerrungen im Motiv, was bei der Modellfotografie grundsätzlich vermieden werden sollte. Einzig für einzelne Effektaufnahmen können Weitwinkelobjektive benutzt werden.

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Beim Bild oben sind die Verzerrungen an den Bildrändern deutlich zu sehen - bei solchen Aufnahmen absolut unerwünscht. Richtig eingesetzt, kann man mit einem Weitwinkelobjektiv jedoch eindrcksvolle Motive aufnehmen - siehe unten.

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Auch Teleobjektive sind für die Modellfotografie nicht sinnvoll einsetzbar. Zwar könnte man den Vergrößerungseffekt im stärkeren Telebereich für Makro-/Detailaufnahmen nutzen, jedoch steigt im zunehmenden Telebereich die Mindestdistanz zum Objekt, ab der eine Scharfstellung des Motives möglich ist. So kann der Abstand zum Modell beim fotografieren mit Teleobjektiv durchaus mehrere Meter betragen, was in keinster Weise praktikabel ist. Allerdings lassen sich Detailbilder auch auf andere Weise generieren - dazu aber mehr in einem späteren Beitrag.

In Telestellung schluckt der lange Tubus auch jede Menge Licht
In Telestellung schluckt der lange Tubus auch jede Menge Licht

Fazit

Eine Systemkamera macht nicht zwangsläufig bessere Bilder - dafür ist allein der Fotograf selbst verantwortlich. Ist man aber mit den zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten seiner Kamera vertraut, läßt sich manch schwierige Situation besser meistern.

Im nächsten Teil wollen wir dann zeigen, wie mit der richtigen Perspektive gute Modellfotos entstehen.

Roland Kunze

Publiziert am 17. January 2022

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