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Tupolew Tu-22B Blinder-A

von Bernhard Pethe (1:72 Italeri)

Tupolew Tu-22B Blinder-A

"Hat es Sinn über ein Modell zu berichten, dessen Baukästen in den Regalen der Händler, in den letzten Jahren schon leicht eingestaubt waren und welches bei genauer Betrachtung auch noch einige Fehler hat?" Mit diesem Satz habe ich 1995 schon einmal einen Modellreport zur Tupolew Tu-22B „Blinder“ für die Zeitschrift Jet& Prop begonnen, der im gleichnamigen Heft 1/96 nachzulesen ist. Nun hat Italeri diese alte Form von ESCI wieder mit Leben erfüllt und unter der Artikel Nr.1245 in den Handel gebracht.Damals war die Aktenlage zu dem Original noch etwas mager. Heute, nach fast zehn Jahren ist das anders. An englisch- und russischsprachige Literatur bietet der Markt nun einiges um sich mit der Blinder und deren Details vertraut zu machen.

Tupolew Tu-22B Blinder-A

Der Erstflug fand schon 1957 unter der Projektbezeichnung Tu-105 statt. Bis zum Tag der sowjetischen Luftfahrtschau am 9. Juli 1961, war westlichen Luftfahrtexperten dieser Flugzeugtyp völlig unbekannt. Schnell war ein NATO- Codename gefunden, - Beauty, die Schöne. Später wurde der Name in „Blinder“ geändert.

 

Tatsächlich kann man der Tu-22 eine gewisse aerodynamische Eleganz in der Linenführung nicht absprechen. Ungewöhnlich ist die Anordnung der beiden Triebwerke rechts und links neben dem Seitenleitwerk. Dadurch konnte der stark gepfeilte Tragflügel aerodynamisch „sauber“ gehalten werden. Der Rumpf wurde nach der Flächenregel gestaltet, was eine starke Einschnürung (Wespentaille) im Bereich der Tragflügelanschlüsse zur Folge hat. Die Tu-22 war wohl das letzte Muster gewesen, an welchem A.N. Tupolew noch selber Hand angelegt hat. Zur Zeit dieser ersten öffentlichen Vorführungen war die Blinder schon in die sowjetischen Fernflieger- und Marinefliegerkräfte eingegliedert. Sie flog hier als konventioneller Bomber, meist aber als Raketenträger mit dem überschallschnellen Marschflugkörper AS-4 „Kitchen“ (NATO- Code) und als Aufklärungsflugzeug.

Tupolew Tu-22B Blinder-A

Am Heck ist eine radargesteuerte 37mm Kanone installiert. Die Tu-22 wurde in den Folgejahren mehrfach technisch verbessert. Dies betraf vor allem die elektronische Ausrüstung, speziell für die ELOKA- Einsätze. Weiterhin gab es eine zelleseitig geänderte, spezielle Schulmaschine, die Tu-22U. Alle neueren Modelle waren mit einer Nachtankvorrichtung ausgerüstet.

Tupolew Tu-22B Blinder-A

Es sind etwa 250 Blinder in den unterschiedlichsten Versionen gebaut worden. Ob sich heute noch die damals wenigen Exemplare in Smolensk und Irkutsk im Einsatz befinden, ist doch sehr zweifelhaft. Eine geringe Anzahl der Tu-22 ging in den Export nach Libyen, Ägypten und in den Irak. Genau diese Bemalungsvarianten mit den entsprechenden Decals hält die Neuauflage von Italeri nun bereit. Aber auch in diesen Luftwaffen gehört die Blinder zur Geschichte.

Tupolew Tu-22B Blinder-A

Interessante Einzelheit bei der Tu-22 ist der Einstieg der dreiköpfigen Besatzung. Alle drei Sitze fahren nach unten aus dem Rumpf und nachdem die Besatzung Platz genommen hat, geht es wieder nach oben an den Arbeitsplatz. Im Notfall wurde das Flugzeug auch nach unten verlassen, während Start und Landung durfte da wohl nichts passieren. Dieses interessante Detail war der Anlaß, mich damals näher mit dem 1990 erschienenen ESCI- Modells (art. 9100) zu beschäftigen.

Tupolew Tu-22B Blinder-A

Die 125 Bauteile (davon allein 40 für die Abwurfwaffen und den Bombenschacht) sind sauber gespritzt und mit einer versenkten Gravur versehen. Auch die Passgenauigkeit der einzelnen Teile untereinander ist sehr gut. Fahrwerke und andere Kleinteile sind ausreichen detailliert. Doch das soll uns nicht gleich in Euphorie versetzen.

 

Der Bausatz hat zwei elementare, und im Detail mehrere kleine Fehler. Dies sind die oben schon erwähnte Wespentaille, die am Modell überhaupt nicht zu Geltung kommt und zweitens, die zu starke Flügelpfeilung, wodurch die beiden Strömungskörper (Hauptfahrwerksschacht) nicht strömungsparallel zur Flugzeuglängsachse liegen und dadurch gleichzeitig die Spannweite am Modell verringern. Das Problem mit dem Flügel läßt sich noch lösen, in dem man die Flügel in der richtigen Position anklebt und den Spalt der zwischen Rumpf und Flügel entsteht, aufwendig verspachtelt. Eine Korrektur der Rumpfkontur zur Wespentaille ist nicht, oder nur mit einem erheblichen Arbeitsaufwand, möglich.

Tupolew Tu-22B Blinder-A

Fehlerhaft ist weiterhin die äußere Form der Triebwerke, die Gravur der Tragflügel und die viel zu schmalen Grenzschichtzäune. Das Sitzsystem ist im Kit nicht enthalten und wurde nach Fotos selbst gefertigt. Der Zusammenbau des Modells ging relativ schnell von der Hand. Um so aufwendiger war die Farbgebung mit Model Master Farben.

Tupolew Tu-22B Blinder-A

Mit einem einfachen Silberanstrich ist es nicht getan, hier mussten schon die unterschiedlichen Beplankungsfelder einen abweichenden Farbton erhalten. So war das häufige Abkleben und Neuspritzen mit vier unterschiedlichen Silberfarbtönen und zwei Silbergrautönen eine zeitraubende Angelegenheit.

Tupolew Tu-22B Blinder-A

Aber der Anblick des fertigen Modells ist äußerst realistisch und entschädigt für den höheren Arbeitsaufwand.

Tupolew Tu-22B Blinder-A

Schade ist nur, dass trotz guter Zeichnungen, die ESCI damals zweifellos zur Verfügung hatte, es versäumt wurde dies im Modell korrekt umzusetzen, so dass letztendlich in Sachen Maßstabsqualität nur Mittelmaß zustande kam. Auch wenn es zu dem Modell der Tu-22 keine Alternative gibt, eine Neuauflage ändert daran auch nichts.

Bernhard Pethe

Publiziert am 09. Oktober 2004

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