Steyr-Puch AP700 HaflingerHaflinger à la cartevon Matthias Reinshagen (1:43 Eigenbau)Unikate statt MassenwareHeute kann man im Massstab 1:43 nahezu jedes Auto als Miniatur kaufen, dank der Fertigung in Billiglohn-«Paradiesen» wie Fernost und Madagaskar erst noch zu erschwinglichen Preisen. Selbst bauen muss also niemand mehr. Der Anlass, in der Werkstatt aktiv zu werden, ist also in der Regel der Grund, dem Mainstream der globalen Massenproduktion zu entkommen und Unikate auf die Räder zu stellen, wie man sie sich wünscht. Oder solche Autos zu bauen, die sich in keinem Katalog der grossen Hersteller kleiner Autos finden.
Das Original: Teures Vergnügen für KennerDer Steyr-Puch Haflinger ist eines dieser Nischenfahrzeuge. In Kreisen der Liebhaber klassischer Allradfahrzeuge geniesst er einen legendären Ruf. Die Gelände-Talente des österreichischen Zwergs sind Insidern hinreichend bekannt. Wer noch nie das Privileg einer Mitfahrt hatte, dürfte beim Betrachten von einschlägigen Videos auf youtube je nach Nervenstärke ein flaues Gefühl im Magen oder grosse Lust bekommen, sich so ein Wägelchen zuzulegen. Nur: Die Preise für schöne Exemplare sind inzwischen deutlich fünfstellig geworden. Auch besitzen nicht alle Fans einen Privatwald oder ein Rustico im Schweizer Maggiatal, um den Haflinger auf legale Weise artgerecht zu bewegen. "Artgerecht" heisst: eine nicht befestigte Piste unter den scharf profilierten 165/12 Maloya-Geländepneus, steil bergauf, steil bergab, Tempo moderat, Allradantrieb und Differenzialsperren aktiviert.
Internet und Inspiration als TreibstoffMit einiger Modellbau-Erfahrung und noch mehr Geduld gibt es aber dennoch einen Weg zum eigenen Haflinger, sofern man bereit ist, bei der Grösse Zugeständnisse zu machen und auf das Vergnügen zu verzichten, selbst hinter dem Steuer Platz zu nehmen. Da im Internet alle Informationen zu diesem Fahrzeug sowie die nötigen Massangaben verfügbar sind, kann es mit dem Planen und Bauen des Minis sofort losgehen. In unserem Fall war eine 43-fache Verkleinerung vorgesehen. Der Haflinger schrumpft dabei auf eine Länge von rund sechs Zentimetern. Das klingt nach vergleichsweise wenig Auto. Da reicht ein Bierdeckel üppig als Parkplatz! Leider ist es ein Trugschluss, zu meinen, dass sich so ein kompaktes Autochen rasch auf die Räder stellen lässt. Das zeigte sich beim Bau ziemlich bald. Galt es doch, jeden dieser Zentimeter hart zu erarbeiten.
Kleinkunst mit Kunststoff & Co.Als Material für den Eigenbau bieten sich dünne Polystyrol-Platten von Greenland an, die überall im Modellbauhandel zu finden sind. Die kantige Gestalt des Originals kommt dem Bastler hier sehr entgegen. Messing-Rundstäbe finden in gebogener Form Verwendung für die diversen Halterungen und den Rahmen für das Planenverdeck. Bei Kleinteilen ist Improvisationstalent angesagt. So entstanden die Scheinwerfer-Schutzbügel aus zurechtgebogenen Bostitch-Heftklammern. Um an die Federn für die Radaufhängung zu kommen, wurden vier Caran-D´Ache-Kugelschreiber geschlachtet. Der Reservekanister verschlang eine Stunde Arbeit - kaum zu glauben mit Blick auf die Dimension des Teils.
Dass die kleinen Teile die meiste Arbeit verursachen, zeigt sich nicht zuletzt beim Bau der verschiedenen Anbau-Komponenten, die, wie beim Original, unten an der Plattform befestigt werden (Tank, Werkzeugboxen, Batteriekasten und Motorgehäuse). Auch der Unterbau mit Zentralrohr und verlangt nach mehrstündiger Tüftelei und Kleberei, bis alles so zusammenkommt, wie es soll. Vor allem, wenn die Achsen beweglich sein sollen. Auch eine funktionsfähige Federung wäre prinzipiell möglich gewesen – hätte allerdings weitere Arbeitsstunden verschlungen. Ohne sehr viel Zeit sollte man sich also gar nicht erst an das Abenteuer Eigenbau wagen. Letztlich wurden mit Ausnahme der Räder und der Lampen sowie der Rückleuchten alle Teile selbst produziert.
Haflinger à la carte - auch en miniatureBei der Auswahl des Vorbildes hat der Bastler eine fast unbegrenzte Auswahl. Der Haflinger war ein Longseller und wurde von 1959-74 in einer Vielzahl von zivilen und militärischen Versionen gebaut. Alleine bei den zivilen Ausführungen (den sogenannte Jagdwagen mit vier Türen und ebenso vielen Sitzplätzen, die hinteren beiden Sitze sind ausklappbar) existierten zwei Serien – Exportversionen nicht mitgerechnet. Im Modell umgesetzt wurde der Haflinger mit dem kurzen Radstand der Serie 1 (grünes Fahrzeug) sowie der Serie 2 (blaues Fahrzeug). Die Recherche nach den Unterschieden verschlang viel Zeit.
Entscheidend für die Wirkung des Modells ist immer auch eine vorbildgerechte Lackierung. Der Haflinger war in etlichen Farben für Planen und Karosserie lieferbar. Den passenden Ton trifft, wer sich anhand von Fotos und einer RAL-Skala seine Wunschfarbe besorgt. Zu empfehlen ist die Lackierung mit der Spraydose oder Airbrush. Ich habe meine Modelle mit Dupli-Color Auto-Acrylfarben aus der Dose lackiert und meine, das Resultat ist gut geworden.
Understatement gehört dazuDem fertigen Mini-Haflinger sieht man die Arbeit nicht mehr an, die drin steckt. Ein durchschnittlicher Resine-Kit im selben Massstab 1:43 ist in der Bastelwerkstatt weitaus schneller fertiggestellt. Das Modell hält sich mit diesem Understatement strikt an sein Vorbild: Das Original wirkt auch auf den zweiten Blick schmucklos, es ist auf gewöhnlichen Strassen nervig laut, quälend langsam und taugt absolut nicht zum Statussymbol. Nur 4x4-Kenner wissen um das Potenzial dieses kleinen Autos. Das Modell hat jedoch das Talent, in der Vitrine auch aufwändigen Modellen von PS-starken Boliden die Schau zu stehlen! Gerade dann, wenn es gleich im "Doppelpack" auftritt wie unser Scratchbuilt-Duo. Matthias Reinshagen Publiziert am 31. August 2026 © 2001-2026 Modellversium Modellbau Magazin | Impressum | Links |