Reichsbahn-Helferin 1939-45(D-Day Miniature Studio - Nr. 35112)
Produktinfo
Besprechung
Kriegszeiten des 20. Jahrhunderts führten historisch gesehen dazu, dass ideologisch gepflegte Rollenbilder der Geschlechter in der Praxis auf Grund der Personalnot zu bröckeln begannen. Wer kennt nicht die Photos von Straßenbahnfahrerinnen im ersten Weltkrieg; später: Frauen in Munitionsfabriken (auch in USA und Japan), „Blitzmädels“ und Flakhelferinnen nicht nur an der „Heimatfront“. Mit dem Zweiten Weltkrieg war diese Entwicklung nicht beendet. So wird z.B. von Vietnamesinnen berichtet die nachts quasi stehend, weil die Sitze ihrer ZIL-Lastwagen zu hoch waren, den Nachschub für den Vietcong nach Süden fuhren. Heute erscheint es selbstverständlich, dass die Frau nicht nur als Helferin an der Seite des Mannes agiert. Eine Frau am Steuerknüppel eines Jets das Ruder in der Hand hat oder gar mit ihrem Kriegsschiff ausläuft – früher undenkbar, heute Realität. In meiner Kompanie gab es genau eine Frau – die Sekretärin vom „Spiess“. Während Ödön von Horvath in seinem Roman „Jugend ohne Gott“ (1937) das Bild von der Rucksack tragenden Venus prägte, kämpften im spanischen Bürgerkrieg (1936 – 1939) Republikanerinnen und deren Verbündete an der Seite der Männer. Doch spiegelt sich diese historische Entwicklung auch in den Sortimenten der Modellhersteller wider? Ob ansatzweise oder teilweise, darüber mag man geteilter Meinung sein. Zumindest scheint die Zahl zuzunehmen.
Der Bausatz
Für die klassische Helferin, die den Mann durch die Übernahme seiner Funktionen in Kriegszeiten entlastet, steht auch die Reichsbahn-Helferin, die vom polnischen Hersteller D-Day Miniature Studio angeboten wird. Die Modellfigur aus Resinguss wird in einer kleinen Schachtel als fünfteiliger Bausatz geliefert. Wie für Kleinserienauflagen üblich befinden sich die Teile in einem Plastiktütchen: Kopf, Rumpf mit Beinen, zwei Arme. Und ein ganz wesentliches Accessoire – die Abfahrtskelle, welche die Figur dem Fahrdienst am Bahnsteig zuweist. Die Uniformierung der weiblichen Bediensteten lehnte sich, wie man lesen kann, an die des männlichen Personals an. Hier könnte man das Schiffchen statt der Dienstmütze mit Schirm ungewöhnlich finden. Ist dem Skulptor ein Versehen untergekommen? Bei Leibe nicht: bereits der Griff zum Standardwerk von Kandler zeigt auf dem Umschlagbild drei Reichsbahnerinnen mit Schiffchen; der künstliche Beifahrer bestreitet die Existenz des Schiffchens bei der Reichsbahn und verweist die Kopfbedeckung nach Polen, sprich PKP (polnische Staatsbahn). Man kann es besser wissen.
Die Figur trägt als „zivile“ Uniform einen grauen Rock mit Saum unterhalb des Knies. Photos zeigen oft, dass Rocksäume geschätzte 8 bis 10 cm eingekürzt und umgenäht wurden, vermutlich waren die Röcke ursprünglich also deutlich länger, aber dadurch unpraktisch bei der Ausübung der Dienstgeschäfte. Im Modell natürlich massiv gegossen, was man im Hinblick auf die Betrachterperspektive auf ein Diorama ja auch nicht überschätzen muss. Dazu hat die Figur eine Dienstjacke, die über die Hüften reicht und bis zum Kragen durchgeknöpft ist. Auffällig ist, dass keine aufgesetzten Brusttaschen vorhanden sind. Lediglich zwei Taschenschlitze sind unterhalb der Taille erkennbar. Bei den Schuhen handelt es sich um stabile Treter mit Blockabsätzen. Nicht zuletzt sorgt die Abfahrtskelle dafür, dass man sofort den Bahnsteig als Arbeitsort assoziiert. Dabei finde ich es sehr praktikabel, dass dieses Utensil separat beiliegt. Es wird bei mir wohl im Beiwagen eines Feldjägers landen. Dafür wird die Figur bei mir vielleicht als künftige Marine-Helferin am Kai von La Rochelle stehen, in der Hand einen Blumenstrauß, von dem ich allerdings noch nicht weiß, wie ich ihn baue.
Darstellbare Maschinen: Einsatzmöglichkeiten
Stärken:
Schwächen:
Anwendung: Der Bau müsste sich problemlos bewältigen lassen. Schwieriger wird die effektvolle Bemalung weniger farblicher Flächen. Aber einmal muss man eben anfangen … FazitFür alle die das Thema Eisenbahn im Allgemeinen und Reichsbahn (bis 1949) umtreibt: Sehr empfehlenswert. Für Umbauer erst recht, da das Angebot der Marine- und Luftwaffenhelferinnen in 1:35 wohl ausbaufähig bleiben wird. Für mich aber Gelegenheit, für alle Kleinserienhersteller eine Lanze zu brechen. Oft genug selbst Modellbauenthusiasten, die nach Feierabend und am Wochenende kleine Kunstwerke schaffen, die in der Lage sind, unsere Dioramen einzigartig werden zu lassen. Weitere InfosReferenzen Die Homepage des Herstellers DDay Miniature Studio: Wer etwas zum Thema lesen möchte: Udo Kandler: Frauen bei der Reichsbahn. Essen 2014 Als pdf-Datei zum Download: https://konzern.oebb.at/de/dam/jcr:433b058e-aa00-4745-bed7-669634147176/Verdraengte_Jahre.pdf Diese Besprechung stammt von Thomas Ehrensperger - 17. Juni 2026 © 2001-2026 Modellversium Modellbau Magazin | Impressum | Links |